Özgürlüğe hoş geldin, Deniz, ama direniş devam ediyor

Ein freies Meer ist immer schöner als eines hinter Gittern, wie auch eigentlich alles andere in Freiheit schöner ist als in ihrem Gegenteil. Daher ist es natürlich auch gut, dass Deniz Yücel nun frei ist, aferin sana, Denizcim, iyi dayandın.

Als die Meldung über die Ticker ging, habe ich grad die Wohnung geputzt. Komischerweise hatte ich auch kein besonderes Bedürfnis, die Tätigkeit mit Kenntnisnahme der Freilassung zu unterbrechen, um mich dem Nachrichtenkonsum hinzugeben. Komisch ist das insofern, als ich ansonsten seit geraumer Zeit politische Nachrichten aus der Türkei mit einer gewissen Suchthaftigkeit konsumiere.

Ich schiebe und ziehe den Staubsauger also weiter durch die Wohnung und denke dann natürlich doch darüber nach, was die Freilassung von Deniz für mich bedeutet. Mein erster Gedanke ist der: wenn ich Journalistin wäre und über die Situation der Meinungsfreiheit in der Türkei berichten würde und in meinen Artikel seit geraumer Zeit immer eine quantitative Betrachtung der Journalist*innen im Gefängnis unterbringen würde, dann müsste ich, wenn es mir nicht um die konkrete Zahl ginge, da mir zum Beispiel die dann indizierte tagesaktuelle Aktualisierung nicht notwendig für die Aussage erscheinen würde, nichts an meinem Textbaustein ändern. Ich könnte mit Fug und Recht weiter vom größten Journalist*innengefängnis der Welt sprechen, ich könnte weiterhin schreiben, dass etwa 150 Journalist*innen in Haft sitzen… Lediglich den dann in deutschen medialen Aufbereitungen meist sich anschließenden Satz, dass unter diesen auch der Welt-Korrespondent blablabla sitzt, den könnte ich weglassen. Super.

Mein zweiter Gedanke (vielleicht mit größter persönlicher Alltagsrelevanz als der erste, denn schließlich bin ich ja zumindest auf dem Papier Juristin): was für eine Aussage lässt die Freilassung mit ihrer konkreten politischen Kontextualisierung für Rückschlüsse über das Justizsystem der Türkei, über das Politikverständnis der Machthabenden in der Türkei und in Deutschland zu. Die Bundesregierung, insbesondere in Person des Außenministers, habe sich „intensiv bemüht, zu einer Lösung beizutragen“. Die zeitliche Nähe zum Besuch von Binali bey bei Angela hanım wird vermutlich auch kein Zufall gewesen sein. Und da kommt er auch schon um die Ecke, der ganze Wust an vermeintlichen Sachzwängen, die eine an kapitalistischen Interessen ausgerichtete Innen- und Außenpolitik mit sich bringt. Gerne darf mich die deutsche Regierung eines besseren belehren, aber ich habe eher die große Sorge, dass mit der Freilassung von Deniz Yücel das Faustfand auch für deutsche Politiker*innen weggefallen ist. Der Weg ist frei für Waffenlieferungen, Nachrüstungen irgendwelcher Panzer und sonstige komische Deals. Da müssen wir uns jetzt auch erstmal keine Gedanken mehr darüber machen, wie wir ggf. demokratische Kräfte in der Türkei stärken können oder uns auch ansonsten damit auseinandersetzen, wie wir uns als Weltgemeinschaft so aufstellen können, dass wir keine Außenminister mehr benötigen, die in Einzelfällen intervenieren und Bunderegierungen haben, die aus ökonomischen Interessen und wegen irgendwelcher Geflüchtetendeals sich selbst die Sachzwangfesseln anlegen.

Für Deniz persönlich freue ich mich, dass er nun das Gefängnis verlassen darf. Hoffnung für das große Ganze gibt mir diese Nachricht aber nicht unbedingt. Das schafft dann schon eher ein Zitat von Fatih Polat, Chefredakteur der Tageszeitung Evrensel, gestern in der taz.gazete, der berichtet, dass „In der Türkei“… „der Zug (lebendiger Berichterstattung) noch nicht abgefahren“ ist.

So, ich putzte jetzt die Wohnung zu Ende und dann geh ich los, kette mich an die Gleise, damit der Zug nicht abfahren kann.

Özgürlüğe hoş geldininiz, Deniz bey. Direniş devam ediyor, beraber.

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