How to ‚slow travel’ when it actually has to be fast?

Wenn man ‚slow travel’ oder ‚sustainable travel’ googled (oder ecosiad), dann spuckt die Bildersuche wunderschöne Aufnahmen von Menschen, die auf Bergen oder an Meeren sitzen, mit dem Fahrrad an Palmenalleen vorbei radeln, zwischendurch auch mal einen Zug, der durch malerische Landschaften bummelt, aus. Insgesamt suggerieren die Motive eher Da- als Unterwegssein. Manchmal muss man aber eben trotz des Anspruchs, nachhaltig reisen zu wollen von A nach B, ohne dass man sich super viel ‚slow’ leisten kann (oder will…).

Der Anspruch in meinem Fall: mit Bus und Zug möglichst schnell von Istanbul nach Hannover… Als ich kürzlich von Berlin nach Istanbul gezogen bin, habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, wie Familie-und-Freund*innen-in-eher-nördlichen-Gefilden-Europas-Besuchen und der Anspruch eines CO2-fußabdrucksensiblen Lebensstils miteinander harmonieren können. Rome2rio hatte mir eine tägliche Busverbindung von Istanbul nach München versprochen. Daher war ich da eigentlich ganz entspannt, zumal ich die erste Reise dieser Art eigentlich erst zu Weihnachten eingeplant hatte, und auch ansonsten zwar mit einer gewissen Regelmäßig- dafür aber nicht allzu ausgeprägter Häufigkeit. Denn die nachhaltigste Form des Reisens ist natürlich immer noch das Nichtreisen. Nun musste ich (bzw. dachte ich zumindest, dass ich müsste, aber das ist eine andere Geschichte) aufgrund abgelaufenen Visums und widererwarten noch nicht realisierter doppelter Staatsbürger*innenschaft recht spontan und mit nicht übergroß zur Verfügung stehendem Zeitfenster schon früher ausreisen.

Eine Freundin hatte mir von einer Kommilitonin erzählt, die nach dem Auslandsemester in Istanbul mit dem Zug zurück nach Deutschland gefahren war. Das hatte ich bei meinem Buchungsbeginn als Hoffnungs- und Beruhigungstropfen im Hinterkopf. Konkret nachgefragt, stellte sich jedoch raus, dass die Kommilitonin zwei Wochen unterwegs gewesen war – ich ‚musste’ allerdings schon in weniger als zwei Wochen wieder in Istanbul sein.

Aber vielleicht geht das ja auch schneller? Rome2Rio schlägt mir als Zug-Option eine Reise mit fünf Umstiegen und einer Insgesamtdauer von 47 Stunden vor. Schon den Blick auf die Umstiegsortsliste empfinde ich als nicht besonders beruhigend – bei Videle und Lokoshaza bin ich mir sicher, dass ich mir die Namen nie werde merken können, Budapest, Wien und Würzburg kenn ich zwar, davon, dass ich die die im entscheiden Moment jedoch in eine geographisch sinnvolle Reihenfolge bringen kann, will ich mich nicht recht überzeugen. Erfahrungen mit Restaurantbesuchen scheinen mir hier recht zu geben: Tapas-/Mezzebestellungen überlasse ich gerne anderen. Alternativ muss ich an allen relevanten Stellen der Speisekarte einen Merkfinger positionieren – ich kann maximal ein Hauptgericht für eine Person bestellen, an guten Tagen kann ich mir auch noch merken, was ich trinken wollte… Und, dass ich den Reiseroutenmerkzettel verbummele und mein Handy genau dann nicht funktioniert, wenn ich nachgucken will, wie die Reise weitergeht, da bin ich mir sicher. Auch der Zusatz ‚einmal täglich’ bei allein zwei der vorgeschlagenen Züge reicht mit meinem Deutsche Bahn-dominierten Zugfahrsozialisierungshintergrund und entsprechend ausgeprägten Anschlusszugverpassungstraumata schon an und für sich, um diese Option nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Ich wühle mich also durch die Seiten von diversen Busanbieter*innen. Die eingangs erwähnte tägliche Busverbindung nach München entpuppt sich als wöchentlich und das auf einer Webseite, die als letztes Aktualisierungsjahr 2015 angibt, designtechnisch aber an Zeiten erinnert, in denen das Internet wirklich noch Neuland war. Bei der angegebenen Telefonnummer geht folgerichtig niemand ran. Ich finde dann noch Optionen mit Abfahrt am Mittwoch und am Samstag nach München und Frankfurt, ich muss aber leider unbedingt am Montag oder Dienstag fahren – nach Hannover gibt es gar erst in drei Wochen wieder eine Verbindung. Ich erinnere mich an die historisch etablierte Route Istanbul-‚bis-fast-nach-Wien’: mit meinen letzten zusammengekratzten Onlinerecherchekräften gebe ich in die Suchmaske des Busanbieters auf die Frage nach dem ‚nereye’ Wien als ‚varış noktası’ ein. Und siehe da: ich kann dienstagmittags losfahren und bin schon am nächsten Tag in Wien.

Am Dienstag steige ich also mittags um 12 in Istanbul in den Bus, Donnerstag morgens werde ich um 7:00 Uhr in Hannover von Ernst August und seinem Pferd begrüßt = 43 Stunden Reisezeit statt eines knapp dreistündigen Flugs, aufgeteilt in 27 ½ Stunden Busfahrt vom Bosporus an die Donau, fast 6 Stunden Aufenthalt in Wien und als Sahnehäubchen eine 10stündige Fahrt mit dem Nightjet an die Leine (letztere habe ich allerdings meines Wissens nach noch nie gesehen, trotz diverser Kindheitsbesuche in Hannover – in der Donau hab ich immerhin schon gebadet und den Bosporus kann ich von der Dachterrasse zu Hause in Beyoğlu sehr gut sehen) – die Sehnsucht nach dem Orientexpress allzeit im Gedankengepäck dabei. Laut Wikipedia hätte ich mit ihm bis 1962 direkt bis München durchfahren können, knapp verpasst (allerdings bin ich mir ob seiner luxuriösen Ausstattung nicht so sicher, dass die CO2-Bilanz allzu ambitioniert war – und dann ist da ja auch immer noch sein belletristisch getriggerter schlechter Leumund).

Und sonst?

Kurz vor der bulgarischen Grenze haben wir eine Reifenpanne – aber die Brüder von ‚Kardeşler Oto Servis’ verstehen ihr Handwerk (und sind es ganz offensichtlich gewohnt, dass ganze Busladungen an Menschen ihnen bei der Arbeit auf die Finger gucken), so dass wir unsere Reise schnell fortsetzen können. Punktabzüge gibt es auf der Strecke für die Grenzkontrollen, drei an der Zahl: in Bulgarien rein in die EU, in Serbien wieder raus, dann in Ungarn wieder rein. Sie dauern lange und nerven – mal wieder fühle ich mich in meiner Abneigung gegenüber Grenzen und ihren Kontrollen bestätigt.

Antep mutfağı irgendwo in Bulgarien

Damit niemand schon auf der Fahrt Heimweh bekommt, halten wir auf all unseren längeren Stopps bei Raststätten mit türkischer Küche – bei ‚Antep Mutfağı’, ‚Türkiyem’ und ‚Özlem’ beweisen meine älteren Mitreisenden erstaunliche ‚Essfestigkeit’, während ein Pärchen, eine junge Frau auf dem Weg nach Lelystad und ich eher darauf aus sind, es in jeder Pause auf die maximal mögliche Anzahl an Schritten zu bringen.

Türkiyem – meine Türkei…

Wien erreichen wir pünktlich um 14.30 Uhr. Der neue Hauptbahnhof erweist sich als perfekter Ort für eine erfrischende Katzenwäsche und das Auffüllen der Trinkflaschen.

In Wien treffe ich in fünf Stunden Aufenthalt zwei lange nicht gesehen Freund*innen auf Kaffee bzw. Weißwein – natürlich gespritzt, nicht zuletzt, weil das Wort so schön klingt. Im Nachtzug, der, obwohl von der ÖBB betrieben, mit von der Deutschen Bahn bekannten Vokabeln von ‚verspäteter Bereitstellung und technischen Problemen am Triebfahrzeug’ erst mit einer Verspätung von mehr als 60 Minuten seine Aufwartung macht, teile ich mir das Abteil mit einem alten Herrn. Der sieht ein bisschen aus, als hätte er seinen Entnazifizierungsprozess nur mit sehr viel Mogeln bestanden, entpuppt sich dann aber doch als recht freundlich. Die 60 Minuten Verspätung holen wir in reinster Slow-Travel-Manier nicht mehr rein, kommen aber ansonsten wohlbehalten in Hannover an. Noch eine halbe Zugstunde gen Westen und schon sitze ich bei meinen Eltern am Frühstückstisch. Alles in allem recht unkompliziert.

Die Rückreise dann ist weit weniger erfahrungsbereichernd – von Hannover mit dem Flugzeug zurück, inklusive Landung auf dem neuen Flughafen in Istanbul und das, obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte noch lange einen weiten Bogen um ihn zu machen (das Bild ist hier allerdings etwas schief, er liegt so weit draußen, dass ich in meinem normalen Istanbuler Bewegungsradius selten in die Verlegenheit kommen sollte, irgendwelche Wegkrümmungen zu vollziehen um dem Flughafen auszuweichen). Umweltimplikationen seines Bauprozesses und nun seiner Existenz, verbunden mit den vielen Arbeiter*innen, die in der Bauphase ums Leben gekommen sind, machen ihn nicht gerade zu meinem Sehnsuchtsort. Die Aussicht darauf, dass er irgendwann mal der Größte seiner Art sein soll, vermag mich ob einer ausgeprägten Abneigung gegenüber (insbesondere) ressourcenintensiven Superlativen auch nicht so recht gnädig stimmen. Entsprechend habe ich mit mir gerungen –  mich letztlich aber für den Flug entschieden, da ich am Sonntag zur erneuten Bürger*innenmeister*innenwahl (ein Nicht-cis-Mann stand zwar nicht zur Wahl, aber ein wenig Gendern als sprachlicher Wegbereiter der zukünftigen Möglichkeit kann ja nicht schaden ;-)) unbedingt wieder in Istanbul sein wollte. Belohnt wurde die Entscheidung mit einem fulminanten Demokratiesignal, das hoffentlich auch mit einer grundsätzlich nachhaltigeren Stadtplanung einhergehen wird.

Die Bilanz:

Schnelles ‚slow traveln’ ist jetzt nicht unbedingt wie auf schönen Bergkuppen Rumsitzen oder in der Hängematte liegen, aber geht gut und sei hier auf jeden Fall zum Nachmachen empfohlen, obwohl natürlich der erste Anspruch sein sollte, gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen mit kleinen Zeitfenstern von A nach B hetzen zu wollen. Aber wenn doch, dann ist der Mangel an Zeit jedenfalls kein Argument dagegen, es nicht wenigstens zu versuchen.

Am Ende habe ich für die Hinfahrt (die Berechnungsgrundlagen waren da etwas unterschiedlich mit der Tendenz zum Widersprüchlichen) für die Kombi aus Bus- und Bahnreise zwar etwas mehr Geld als für den Flug ausgegegben, aber dafür ‘nur’ ca. 66,1 Kg CO2 verbraucht, gegenüber ca. 514 Kg mit dem Flugzeug – eine Einsparung von immerhin 448 Kg bzw. 87,14%. Das erhält zumindest eine marginale Chance darauf aufrecht, dass ich meine Jahresbilanz im verträglichen Bereich von 2,3 t CO₂ halten kann. Allerdings kratze ich da, auch aufgrund anderer bereits getätigter Flugreisen in diesem Jahr schon in Grenzbereichen des Verträglichen rum. Und wir haben gerade mal Ende Juni…

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