Umutun Zamanı – Hoffnungszeit

Eigentlich wollte ich einen Beitrag über den 1. Mai in Istanbul schreiben und das natürlich auch schon vor ein paar Wochen. Irgendwie ist es nicht dazu gekommen. Im kleinen packpapier-braunen Moleskine-Heftchen warten schon seit ungefähr kurz nach dem erwähnten Datum ein paar Gedanken und Sätze auf ihre digitale Veröffentlichung. Sie skizzieren einen ausgefallenen 1. Mai am Taksim, tetrisch-logistische Straßenabsperrhöchstleistungen der Polizei, nur aus entsprechendem Winkel abzulichtende Bilder abgelegeter roter Nelken vor dem Sockel des Denkmals der Republik – hinter Absperrgittern und so als sei die Republik schon eine geworden, derer man sich in historischer Kategorie melancholisch erinnerte – und eine insgesamt ins Apathisch-Apolitische abdriftende Atmosphäre, die sich anschickte sich über die Stadt und den Geist von Gezi zu legen. Aber der 1.Mai-Eintrag wird warten müssen. Bis nächstes Jahr vielleicht und dann hoffentlich mit gänzlich verändertem Tenor – denn jetzt ist erstmal umutun zamanı – Hoffnungszeit. Und das zumindest bis zum 24. Juni.

Die Worte müssen schnell geschrieben werden. Noch drei Wochen, bis sich (vor-)entscheidet, welche Kontextualisierung ihnen die Nachbetrachtung zugedenken wird. Drei Wochen, bis sie Wirklichkeit werden – drei Wochen bis sie als naive Vision einer Möglichkeit dem Vergessen anheim gegeben werden – kim bilir. Drei Wochen Hoffnungszeit – gestern hör-, fühl- und beinahe greifbar am Blücherplatz. Gut, der Blücherplatz ist nicht Taksim (er hat nicht mal einen Wikipedia-Eintrag als Indiz einer auch nur marginalen historischen Relevanz), aber mit seinem Bodenbelag aus verdorrtem Gras und freiliegender Erde und ein paar Bäumen ringsum, kann er es in Sachen Unprätentiösität durchaus mit seinem Bruder im Geiste am Nordende vom Taksim aufnehmen. Gestern haben dort die Gezi-Proteste ihren Berliner Geburtstag gefeiert – ihren 5. Zumindest finde ich, dass das in den letzten Tagen populäre #gezi5yasinda eher nach Geburtstag als nach Erinnerung klingt. Geburtstag ist das Gegenteil von Abschluss, Geburtstag ist Ausdruck von Kontinuität, Vorfreude auf das Neue, Zukunft – karanlık gider gezi kalır. Doğum günün kutlu olsun, Gezicim, iyi ki varsin. Jetzt bist du 5, kommt also bald zur Schule. Die Erwartungen an dich waren groß, du solltest in ein paar Wochen ein ganzes Land nachhaltig verändern und im Nachhinein wurde dir vorgeworfen, dass sich trotz dir nichts verändert hat. Der Vorwurf ist natürlich reichlich frech und überzogen. Denn dein Beitrag als Referenzmoment für Hoffnung auf eine freiere, gerechtere Zukunft ist von unschätzbarem Wert. Auch daher lag dein Geist (auch wenn das natürlich eine sehr unpassende Wortwahl ist, du bist ja schließlich nicht gestorben sondern hast deinen 5. Geburtstag gefeiert, nennen wir es vielleicht eher ‘deine Vision’, in all ihrer wunderbaren Heterogenität) gestern über dem Blücherplatz. Halay, Moğollar und Davide Martello haben auch solch unglücklichen Seelen wie meiner, die aus unerklärlichen Gründen im Mai vor fünf Jahren nicht die gezi nach Gezi angetreten haben, ein Gezi-Gefühl geschenkt.

Der 24. Juni könnte nun ein Datum werden, an dem die demokratische Lernreise der Türkei neu beginnen darf. Du kommst in die Schule und gemeinsam können wir dann dort lernen, wie das geht mit Demokratie, Gerechtigkeit, Erinnerung, Menschenrechten, Aufarbeitung, gewaltfreier Konflikttransformation und so. 24 Haziran’dan sonra, klingt gut, finde ich. 27 Mayıs’tan sonra, 12 Eylül’den sonra… die historische Datenreferenzgeschwister der Türkei können dringend eine positiv konnotierte Schwester bekommen. Es wurden natürlich schon viele Fehler in diesem überhasteten, ungleichen Wahlkampf gemacht – nicht nachvollziehbar bleibt etwa, warum die HDP nicht ins oppositionelle Wahlbündnis aufgenommen wurde – aber dennoch: mit Muharrem Ince hat im Rahmen der momentanen politischen Gegebenheiten der bestmögliche Kandidat Aussicht auf die Ablösung Erdoğans als Präsident. Es mutet etwas sonderbar an, zur Ablösung des Despoten allzuviel Hoffnung an den Eintritt einer anderen personalisierten Wahlentscheidung zu knüpfen, aber vielleicht müssen wir das für den Übergang kurzfristig akzeptieren. Und mit einer HDP – großzügig jenseits der 10% angesiedelt und bereichert durch aus dem Gefängnis in die Politik zurückgekehrten Protagonist*innen, könnte es was werden mit der anderen Türkei. Korku gider umut kalır, zumindest noch drei Wochen.

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